Der Diener seines Landes
Es war eine stürmische Nacht gewesen. Alle Tore der Festung waren fest verschlossen und keine Wachen waren davor aufgestellt worden, da noch nicht einmal ein Wahnsinniger bei so einem Wetter einen Fuß vor die Tür setzen würde, geschweige denn den langen, beschwerlichen Weg zur Trutzburg des Deutschritterordens bestreiten.
Nur Bruder Arion musste auf dem Wehrgang der Mauer Dienst tun, bis zum Morgengrauen. Während die anderen tranken und damit prahlten, welch wunderliche Taten sie schon im Namen des Ordens vollbracht hatten, starrte Arion in den heftig peitschenden Hagelsturm. Plötzlich hörte er ein Geräusch. Es klang als würden einige ganz besonders dicke Hagelkörner gegen das Haupttor ihrer Burg schmettern. Arion sah die Zinnen hinab und konnte eine Art zusammengesunkenes Bündel ausmachen, das vor dem Tore lag.
Bald ward aufgetan und es stellte sich heraus, dass das Bündel ein junger Bursche war, der mit aller Kraft gegen das Tor gedonnert hatte. Wie es schien, begehrte er Einlass.
"Er will dienen", sagte der Mann, der aufgetan hatte zu seinem Hauptmann. "Schließt das Tor, dieser Mann muss seinen Wert erst unter Beweis stellen, wenn er bei uns aufgenommen werden will!" befahl der Hauptmann kalt. "Dann wird er erfrieren!" meinte einer der anderen. "Er wird fortgehen, auf dass sich in seinem Wandel zeige, was der Mann wert ist und wenn es ihm danach noch ernst ist, dann wird er wieder kommen. Maßkrug her!" schmetterte der Hauptmann.
Den ganzen Tag lang stürmte es. Schneeregen wechselte mit Hagel, doch der Mann vor dem Tor blieb. Einmal stieß ein Wächter ihn mit seinem Stiefel an und rief: "Packt euch! Ihr habt hier nichts verloren!" Doch der Mann war nicht von seinem Platz zu kriegen. Stahlblaue, aber dennoch undurchsichtige Augen blickten unter einem blonden Haarschopf dem Wächter entgegen. Dieser fühlte sich beklommen und ließ ihn gewähren. Der Mann blieb den ganzen Tag vor dem Tor und die ganze nächste Nacht.
Die anderen ignorierten ihn.
Sie liebten ihr Land, aber sie dienten nicht. Sie kämpften für das Licht gegen die Tiermenschen aus dem Süden und waren alle sammt von edelster Gesinnung. Aber sie dienten nicht. Doch jener, der drei Tage vor dem Tor der Deutschritterburg kauerte, war eins mit dem Land. Er war bereit, sein Leben dafür zu geben, weil das Tosen des Sturmes sein eigenes Gemüt war, die Schärfe des Eises die seines Verstandes, die schroffen Felsen das Abbild seiner eigenen, von Krieg und Arbeit geformten Seele.
Nach drei Tagen ward ihm aufgetan und man brachte ihm Brot und Bier und Waffen. "So soll es denn sein." sprach der Hauptmann der Burg. Der Respekt, der nun im Klang seiner Worte lag, war kaum zu überhören. "Ich schlage euch zum Ritter, denn ihr habt bewiesen, dass ihr wahrhaft dienen wollt!"